Liebe Leserinnen und Leser,

heute kann ich Euch endlich über meinen Einsatzort Independencia berichten!

Nun haben wir den abenteuerlichen langen Weg in die Berge das erste Mal auf uns genommen – mal schauen, wie oft noch in Zukunft, am liebsten nicht öfter als nötig… Johanna und ich waren sehr froh, dass wir bei Hermana Juana mitfahren durften wegen unseres vielen Gepäcks und auch wegen des Weges, der echt nicht ohne ist! Haben wir in CADECA und Cochabamba die Berge noch aus der Ferne bestaunt, so waren wir nun bald mittendrin.

Ich „durfte“ in der Mitte der Rückbank sitzen (hab Schnick-schnack-schnuck gegen Jojo verloren) und habe deswegen abwechselnd mit ihr und Hermana Juana „gekuschelt“ – dank der unzähligen Serpentinen und des fehlenden Gurtes in der Mitte – wozu gibt es eigentlich überhaupt Gurte in den Autos hier, frage ich mich; sie werden nämlich nie benutzt. Ist auch echt bequemer und angenehmer…

Naja, von angenehm kann hier jetzt aber nicht die Rede sein: immer wenn unser Fahrer im ersten noch asphaltierten Teil eines seiner eher riskanten Überholmanöver gestartet hat – er wollte die Fahrt wohl in 6 Stunden schaffen -, hab ich nur die Augen zugemacht und gebetet! Man hat ja nie weit gesehen!

Die Fahrt war zwar überwältigend, aufregend, wunderschön (traumhafte unterschiedlichste Berglandschaften), aber auch nervenkitzelnd, angsteinflößend (steile Abhänge an einer Seite und Dutzende Gräber am Wegrand) und anstrengend… Wir mussten immerhin über einen Pass von 4300 Meter fahren. Independencia liegt nur auf 2700 Meter. Als die Straße zur Schotterpiste wurde und wir eine lange Fahne aus braunrotem Staub hinter uns herzogen, haben wir den unebenen Weg sehr an unseren vier Buchstaben zu spüren bekommen; auch mit selten entgegenkommenden Autos oder Bussen (!) gab es wegen der oft einspurigen Straße manchmal ein Platzproblem. Jojo und ich konnten uns nicht vorstellen, diesen Weg mit dem großen Bus in einer Woche schon wieder zu fahren! Visum… ?

 15 Sekunden unserer Fahrt nach Inde

Independencia in Sicht!

Nach (tatsächlich) sechs langen Stunden mit Mittagspause, in der wir unser Essen mit wilden Hunden geteilt haben, sind wir endlich angekommen und wurden sehr herzlich empfangen. Alle Kinder standen mit Fahnen in der Einfahrt und haben uns nacheinander mit ordentlich Konfetti, Umarmung, Küsschen o. Ä. begrüßt. Die hatten einen Spaß dabei, uns das Konfetti in die Haare zu wuscheln und uns später bei dem Versuch zu beobachten, es wieder aus unseren Haaren rauszuschütteln!

Wir werden herzlich begrüßt von den Kindern des Internats

Die ersten Tage konnten wir in Ruhe ankommen und unser Zimmer einrichten. Es ist recht groß – zum Glück, da wir – Jojo und ich – ja zusammen darin wohnen. Sogar eine Küche mit Kühlschrank, Mixer und Backofen ist dabei! Am Samstag und Sonntag habe ich mit den Hermanas und den Internatkindern Gottesdienste in der Dorfkirche besucht. War sehr spannend; hoffentlich verstehe ich bald die Predigt und kann bei den Liedern auf Spanisch (und sogar Quechua?) mitsingen – alles „A capella“… Schön, dass die Kirche hier dank dem regen Besuch der Internatsmädchen  und -jungen relativ voll ist und der Altersdurchschnitt so auch sehr jung ist.

Was ich am Anfang gleich schon gelernt habe, ist, dass die Bolivianer sehr gerne und oft Feste feiern! Zumindest hier in Independencia – ich gehe davon aus, dass das nicht nur hier so ist. Cochabamba hatte am 14. September Geburtstag (208 Jahre) und daher gab es in dem ganzen Departamento (Provinz) Cochabamba große Feierlichkeiten. Nachdem Johanna und ich zwei Tage im Kindergarten gearbeitet haben, durften wir am dritten Tag (12.9) recht überraschend für uns bei einer Art Marsch beim Kindergarten ganz vorne mitlaufen und später noch beim Centro Social.

Es wurde richtig marschiert im Takt der Blaskapelle, die zur Hälfte aus großen & kleinen Trommeln und Becken bestand (oder es zumindest versucht im Fall der Grundschul- und Kindergartenkinder). Das Marschieren kommt von der Zeit, in der Bolivien ein Militärstaat war, meinte Schwester Verena.

Für alle, die sie nicht kennen: Sie hat vor 50 Jahren gemeinsam mit zwei anderen Caritasschwestern und zwei Padres das Centro Social San Bonifacio in Independencia aufgebaut und wohnt noch immer dort. Eine Tradition von ihr: Jeden Abend gibt es im „Living“ des Centro Socials gemütliches Teetrinken und Kekseessen, bei dem Sr. Verena (immer), die bolivianischen Hermanas, die Internat-Mitarbeiterinnen und wir Freiwillige zusammen kommen können. Johanna und ich nutzen oft die Gelegenheit und fragen Sr. Verena über vieles aus, das wir die Hermanas mit unserem eher bescheidenen Spanisch noch nicht fragen können.

Noch etwas zu den zwei Tagen im Kindergarten: Die Kinder freuen sich sehr über uns als große Spielkameradinnen, die ihre unzähligen feinen Sandkuchen, Sandsuppen usw. essen und ganz nützlich zum Schaukel-Anschucken sind: „mas alto, mas alto!“ In den Kindergärten hier ist es üblich, den Kindern wie in einer Art Vorschule schon ein paar Dinge beizubringen (Zahlen, Buchstaben, Farben…). Ich bin froh, dass das in unserem aber nicht so viel Raum einnimmt. Spielen ist doch das beste Lernen…

Wegen den Festtagen war die restliche Woche schul- und kindergartenfrei… also wieder keine Arbeit für uns. In einem kleinen Dorf namens Machaca, in das uns Hermana Juana und Anamaria mitgenommen haben, wurde das katholische Fest Kreuzerhöhung gefeiert – ein wirklicher Höhepunkt dieses Ortes. Jesus am Kreuz wurde in einer Prozession über den Dorfplatz getragen und mit vielen Gebeten und Konfetti und Blumen gepriesen und gefeiert. Sehr schön, diese Feste miterleben zu dürfen!

Das Fest Kreuzerhöhung In Machaca

Nachdem wir uns in einer guten Woche in Independencia eingelebt hatten, mussten wir leider wieder nach Cochabamba fahren: unser Visum ruft… Wir haben die Busfahrt zurück überlebt und sie war wider Erwarten um einiges angenehmer als die Autofahrt hin! Man konnte auf den bequemen Sitzen gut schlafen und musste nicht die ganze Zeit an den Weg denken. Am Dienstag (18.9) haben wir endlich unser Visum bei der Migraciòn beantragt mit ungefähr 12 verschiedenen Dokumenten. Von der Krankenhaus-Untersuchung weiß ich jetzt immerhin meine Blutgruppe; ich musste davor noch nie Blut abnehmen lassen und bin auf dem Stuhl vor lauter Schwindel zusammengeklappt. Was macht man nicht alles für sein Visum… Ach ja, und außerdem habe ich jetzt ein Röntgenbild von meinem Brustkorb (Tuberkulose-Prüfung) – allein dafür lohnt sich doch der Krankenhaus-Termin ?.

Jetzt heißt es wieder warten bis unser Visum fertig ist… In der Zwischenzeit lernen wir fleißig Spanisch und schauen uns Cochabamba und einige „Touristenziele“ an. Ich freue mich darauf, wenn wir bald richtig in unser Projekt starten können.

Viele liebe Grüße
Eure Alma

Hier noch einige Bilder aus Cochabamba vom „Cristo“ aus, einem großen Hügel, auf dem eine große Jesus-Statue steht: